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THE INCOMPATIBLE ROOM at PARALELL VIENNA 2013

a cooperation with Anna Reisenbichler

 

„Ich glaube also, dass die heutige Unruhe grundlegend den Raum betrifft.“  M. Foucault, 

Performance Catharina Bond: 8 Oktober 2013 , 19:37 -20:29

The Incompatible Room, ein inkompatibler, ein unvereinbarer Ort. Ein„Gegen- ort“, eine Heterotopie? Der Begriff Heterotopie stammt aus Michel Foucaults Text Andere Räume (1967), worin Foucault ausführt, dass es innerhalb einer jeden Gesellschaft reale Orte gibt, welche nach eigenen Regeln funktionieren und somit in besonderer Weise soziale Zustände reflektieren, indem sie diese repräsentieren, negieren oder umkehren, wie etwa Friedhöfe, Gefängnisse, Gärten, Museen, Schiffe etc.

Heterotopien sind „wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Ge- sellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte au- ßerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“2

Was all diese Orte eint, ist ihre Verschiedenheit von gesellschaftlichen Verhält- nissen. Erst in der Differenz zeichnen sich jene Kriterien ab, die Foucault im Sinne einer Typologie der Heterotopien auflistet: generelle kulturelle Relevanz, funktionale Veränderbarkeit, Integration von Unvereinbarem, Heterochronie (Bindung an Zeitabschnitte), Begrenztheit sowie illusionäre und kompensatori- sche Aufgaben.

Der inkompatible Raum interpretiert den Foucault’schen Begriff der Heteroto- pie und stellt ihn gleichzeitig in Frage: der inkompatible Raum als reales Wider- lager zur Gesellschaft, als konkrete Reflexion einer existierenden Gegenwart oder womöglich eine Verbildlichung von sozialen Zuständen? Und: Gibt es derartige Orte tatsächlich? Wie werden sie wirksam? Welchen Zweck erfüllen sie? Welches Potential für Veränderung beinhalten sie?

Der inkompatible Raum, aufgebaut aus Schutt und Müll, ohne festen Boden, ohne eindeutigen Zweck, aber reglementiert: Am Eingang soll ein„Eintrittsri- tus“ vollzogen werden. Um einen Blick in den Raum werfen zu können, ist der/ die BesucherIn angehalten, die Petition„Stop Deportations Now“ (http://stop- deportation.akbild.ac.at/) zu unterschreiben. Durch die Unterschrift solidarisiert er/sie sich mit verfolgten und rechtlosen Menschen, die am Rande unserer Ge- sellschaft stehen und kaum Chancen haben, in diese aufgenommen zu werden. „Die Heterotopie ist ein offener Ort, der uns jedoch immer nur draußen lässt.“3

Eine physische Betretbarkeit des Raumes ist auch nach Ausführung des Ein- trittrituals grundsätzlich nicht möglich. Innerhalb des Raumes selbst existieren unterschiedliche Platzierungen, die an und für sich unvereinbar bzw. unverträglich erscheinen, sich bei genauer Betrachtung jedoch gegenseitig bedingen. Die verschiedenen Aspekte von Zeitlichkeit werden verbildlicht einerseits durch die Bücher, in welchen sich die Zeit endlos akkumuliert und speichert, andererseits durch die einmalige Perfor- mance, die das begrenzte, flüchtige Moment zum Ausdruck bringt.

Der Raum ist gleichermaßen Produkt und Produzent, auch und vor allem von sozialen Widersprüchen. Doch welche Funktion und welche Differenz hat so ein Ort gegenüber dem ihn umgebenden Realraum? Foucault hat darauf keine Antwort. Auch der inkompatible Raum trägt in erster Linie Fragen an die BetrachterInnen heran; das ihm eingelagerte Moment der Verheißung, sein Potential als Hoffnungsträger dürfte er nicht einlösen. Er bietet die Möglichkeit zur Reflexion und zur Problematisierung gegebener Normen, dennoch scheint er nicht offen für tatsächliche Veränderungen. Folgende Frage drängt sich auf: Welche entwicklungsgeschichtliche Perspektive enthält er letztlich?

 

 

The Incompatible Room, an incompatible, an irreconcilable place. A counter space - a heterotopia? The term heterotopia originates from Michel Foucault's text „Of Other Spaces: Utopias and Heterotopias.“ (1967) in which Foucault points out that there are places within each society which operate by their own specific rules and therefore reflect social conditions in a specific way by representing, negating, or reversing them. For example, places such as cemeteries, prisons, gardens, museums, ships etc.

The Incompatible Room interprets and simultaneously questions the concept of Foucault’s heterotopia: Can the Incompatible Room act as a real counter space for society, as a concrete reflection of the present or even a possibility to visualize social conditions? Are there in fact any such places? If so, how do they take effect on society? What purpose do they serve and do they contain any potential for change?

The Incompatible Room; constructed of rubbish and garbage, with no solid ground, without any specific purpose, but regulated: upon entering the visitors need to undertake an admission ritual. To be allowed to view the space one is required to sign the petition "Stop Deportations Now" (http: // stop- deportation.akbild.ac.at/). Through this signature the visitor demonstrates solidarity with persecuted refugees and disenfranchised people who are on the edge of society and whom have little chance to be included. "The heterotopia is an open area that always leaves us outside." 3

Even after accomplishing the admission ritual, the Incompatible Room remains inaccessible for the visitor who can only take a glimpse into the space. Within the space itself there are different areas and positions which appear incompatible or inconsistent, which however are mutually dependent upon closer inspection. The various aspects of temporality are illustrated on one hand through piled-up books, in which time is endlessly accumulated and stored, and on the other hand by a performative intervention taking place in the room: expressing the volatility of amoment.

The space is equally product and producer - especially of social contradictions. But what kind of purpose is implemented and what distinguishes such a place from the real space surrounding it? Foucault has no answer. Even the Incompatible Room primarily contributes questions for the viewers to ask; its potential to bear hopes will not be redeemed. It offers the opportunity for reflection and questions established social standards, yet it does not seem to offer real change. The following question arises: which evolutionary perspective does it ultimately contain?

 

 

 

 

 

 

1 M. Foucault, Andere Räume (1967), in: AISTHESIS. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Essais, hrsg. von K. Barck u.a., Leipzig 1990, S. 34–46, Zitat S. 37.

2 Ebenda, S. 39. 3 M. Foucault, Die Heterotopien. Der utopische Körper, Zwei Radiovorträge, Berlin 2013, S. 18.

3 M. Foucault, Die Heterotopien. Der utopische Körper, Zwei Radiovorträge, Berlin 2013, S. 18.